Is tango easy or terribly hard? A graphic artist goes on an adventurous trip into the world of
the tango - discovering, laughing, struggling,despairing, learning. Can I tango? Maybe!

Montag, 8. Dezember 2014

Metropolis Dancing - Tanzen in der Hauptstadt

Letztes Wochenende war ich wiedermal wegen Familienangelegenheiten in Berlin, hatte aber dieses Mal meine Tanz-Schuhe mitgenommen, falls mich doch die Tango-Laune überkommen sollte. Und siehe da, ich hatte große Lust auf Tango Musik und die warme Stimmung einer Milonga und habe mich auf eine Empfehlung hin auf eine kleine Milonga in einem Sportstudio begeben.

Last weekend I once again visited Berlin in family matters. But this time I brought along my dance shoes just in case a bad tango yearing should overcome me. And it did - I longed for tango music and the warm atmosphere of a lively milonga and followed the recommendation of a friend to a small milonga in a sports studio which was said to be hosted by real Argentines. 

Ich suchte mir einen freien Platz (um 23 Uhr kein Problem, was mich ein wenig überraschte), und beobachtete die Szenerie ein wenig. 8-10 Paare waren am Tanzen, einige andere saßen an den Tischen. Die Stimmung hatte etwas angenehm improvisiertes, war erfrischend hemdsärmelig. Leider war die Musikanlage auch etwas hemdsärmelig und etwas zu schwach für den Raum, so dass man sich anstrengen musste, um das Orchester zu erkennen. Man konnte sich beim Zuhören nicht in die Musik fallen lassen. Ob die Tänzer den Puls der Musik gut hören konnten? Ich beobachtete die Tänzer, und lehnte mich weiter zurück. So recht spürte ich keine Versuchung, mit einem der Führenden zu tanzen. Da wurde geschoben, gedrückt, gehoppelt, Figuren geklopft und es herrschte eine allgemeine große Unruhe. Mein Blick durch die Runde am Anfang einer Tanda brachte keinen Cabeceo zustande, da die meisten Tänzer während der Cortina eh auf der Tanzfläche stehen blieben und die anderen meinem Blick auswichen. Das überrascht mich nicht. Bisher habe ich in Norddeutschland eine norddeutsche Kontaktscheue fest gestellt, man bleibt in seinen Gruppen und traut sich nicht so richtig an fremde Tänzer heran. Heute war ich zudem auch nicht in der Stimmung, mir selber aktiv eine Tanda zu ergattern.

When I arrived at 11 pm there surprisingly was no problem finding a place to sit. I settled down and watched the scene a little. 8-10 couples were dancing, a few more were sitting at tables, chatting away. The atmosphere was improvised and refreshingly shirtsleeved. Unfortunately the sound too was a little shirtsleeved and was not loud enough for the room so that it was difficult to discern the orchestra playing and impossible to hear a clear beat. You could not let yourself be carried away by the music and I wondered if the dancers were able to hear the beat when dancing. I watched them and leaned back. I was not really tempted to dance with any one of the leads I had seen up to now, there was a lot of pushing, pressuring, hopping, unsteadiness and showing off of figures. Above all there was a flurry, unsteady feeling. Still I tried to attract a few cabeceos at the beginning of a tanda. With little success since most dancers stayed on the dance floor during the cortina and the others avoided my eye contact. That did not surprise me, I know this North-German shyness to contact the unfamiliar and the preference to stay in ones familiar groups, not daring to dance with an unknown dancer. And I myself was not in a mood to get up and conquer a dance partner myself this evening.

Aber ich hatte nette Gesprächsfetzen mit dem Paar an meinem Tisch. Sie stellten sich als Berlin-Besucher aus Israel heraus und waren den zweiten Abend Tanzen. Sehr angenehme Tisch-Nachbarn, freundlich aber nicht zu gesprächig, höflich und gleichzeitig offen. Als eine Vals-Tanda gespielt wurde, sah ich sie tanzen und hatte große Freude dabei, ihnen zuzuschauen. Sie tanzten fein, reduziert und musikalisch. Wunderbar auf einander abgestimmt strahlten sie eine große Ruhe aus. Und fielen damit an diesem Abend aus dem Rahmen. Ich beobachtete und wunderte mich, was diesen großen Unterschied ausmachte. Da war eine Bescheidenheit, eine Freude an der Musik, eine Klarheit, die mich berührte. Nach der Tanda warf mir der Herr gleich einen Cabeceo zu und ich nahm sehr erfreut an. Ich hatte etwas Sorge, weil er zum einen kleiner war und offenbar weit über meinem Niveau tanzte, aber diese Sorge zerstreute sich in Sekundenschnelle. Eine ruhige, klare Umarmung ohne Druck, ein Einfühlen in mich mit viel Ruhe und los ging es. Es war einfach zum Schwärmen perfekt! Den ersten Tango führte er recht einfache Schritte, wiegte mich in Sicherheit und ließ mich entspannen. Wurde ich etwas unsicher, ließ er mir Raum und Zeit, meine Haltung und die Umarmung wieder zu finden. Mit jedem Tango wurde der Tanz vielfältiger. Ich hatte mich mittlerweile gut eingefunden und freute mich, Struktur und Richtung in seiner Führung zu erkennen. Genoss es, laufen zu lassen, fließen zu lassen und mich ganz dieser Führung an zu vertrauen. Obwohl es wie befürchtet beim Tanzen nicht möglich war, den Beat der Musik genau zu hören, tanzte er musikalisch, ließ dem Sänger Raum, ohne ihn mit Figuren zu übertönen und beschleunigte auf dem Schluss-Turbo des Bandoneons noch einmal, um dann bei den Schlussakkorden zu einem klaren Halt zu kommen. Schöner geht es nicht! Er brachte mich zurück zu unserem Tisch und dankte für den Tanz. Ich setze mich und war fertig mit dem Tag. Die beiden brachen auch bald danach auf und verabschiedeten sich freundlich.

But I had a charming couple from Israel sitting at my table and enjoyed a few words here and there. They were visiting for a few days and this was the second evening out dancing. Very nice and charming individuals they were, friendly and polite but not too talkative, still open and communicative. As a vals-tanda began to play, they got up to dance and I watched with growing pleasure. The danced very finely, reduced without unnecessary movements and very musically. They moved so harmoniously together, they radiated a wonderful calmness when dancing. And certainly they were a unique appearance this evening. I watched and tried to discern what made them so different. There was a sincere modesty even if they were very good dancers. There was a profound joy for the music and clarity in every movement. They returned to the table and the man immediately invited me to dance with a smiling cabeceo. I was a little concerned, having realized that he was dancing way above my level and also him being smaller than I am. He only smiled and said that all German women were larger than he and if he wanted to dance, he would have to cope. My concern dissolved within seconds. He offered me a calm, clear embrace without any pressure and made me feel very comfortable. He waited until I was settled and off we went. And I can't but rave a little here... The first tango he led simple steps, calming me. Whenever I struggled a little to stay balanced (this was my first tanda of the evening), he gave me space and time to do so and to readjust the embrace. With every tango, his dancing became more complex, still never pressuring me. I felt at ease and had enough free mind to realize how he structured his dance, how he danced the music, even if indeed the beat was difficult to hear. He danced phrases and pauses, left room for the singer once he began to sing without drowning him in figures and created a wonderful crescendo towards the end to underline the bandoneon end-turbo, coming to a clear and simple halt at the ending beats. This was pure heaven! He brought me back to our table, I sat down and was knocked over. Soon afterwards they left, giving me a friendly good bye. 

Ich schaute noch eine Weile den anderen Tänzern zu und wunderte mich über dieses Ding Tango, in dem man sich nicht verstecken kann, dass einen immer ungeschminkt da stehen lässt, egal wie hübsch die Kleider oder Schuhe sind. Spätestens bei der Umarmung spürt man genau, wer und was der andere gerade ist, ob er oder sie angibt, ehrlich ist oder unsicher, überschäumend oder passiv...

I watched the other dancers for a while and sat marveling at this thing tango, in which you can not hide, which always shows you unvarnished no matter how pretty dresses or shoes you wear. You just need to enter into an embrace and you know exactly where and who the other one is at this moment. If he or she is showing off, is honest or insecure, exuberant or passive... 

Irgendwann spülte mich die Musik auf die Straße und nach Hause, in mein Bett, in dem ich glücklich einschlief.

Eventually, the music spilled me out on the street and back home into my bed where I fell asleep happily.

P. S. Ich möchte betonen, dass es in meinem Bericht um einen gänzlich subjektiven einzelnen Eindruck geht, der keineswegs repräsentant für die große, berühmte Berliner Tango-Szene sein möchte.

P. S. This small impression is in no way representative for the large and famous Berlin tango scene. 

Kommentare:

  1. Es ist immer wieder spannend, wie unterschiedlich Milongas an verschiedenen Orten sind, selbst wenn die Leute quasi die selben sind. Wir waren letzte Woche auf drei Milongas und jede war doch sehr anders. Von quertanzenden Anfängern bis Ronda einhaltenden hochklassigem Tanz.
    In Berlin ist laut einer Berliner Tänzerin das TTMS in der Oranienstraße ein guter Ort zum Tango Tanzen.

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    1. Hallo Sam! Sie sind nicht nur unterschiedlich, sie werden auch unterschiedlich wahr genommen. Es gibt kein absolutes Maß. Danke für den Berlin-Tipp, werde beim nächsten Besuch ein paar der unzähligen anderen Locations ausprobieren, und gerne auch das TTMS!

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    2. Dabei wünsche ich schon jetzt viel Spaß - allerdings gibt es glaube ich ebenfalls in der Oranienstraße ein Cafe, in dem Tango getanzt wird, nur wenige Häuser vom TTMS entfernt, zu dem die Dame meinte: Da braucht man als einzelne Dame nicht reinzugehen, die tanzen alle nur mit ihrem eigenen Partner.
      Leider hab ich den Namen dieser Location vergessen.

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  2. In Berlin ist das Niveau der Tango-Tänzer und -Tänzerinnen - nach meinen Erfahrungen (bin oft in Berlin) - im Durchschnitt(!) nicht höher als in anderen Städten Deutschlands. Aber:aufgrund der Größe der Stadt gibt es letztendlich eben doch eine große Anzahl sehr guter/erfahrener Tänzerinnen; und eine Vielzahl an Milongas. Hinzu kommen(insbesondere natürlich im Sommer) die Tango-Touristen, die oft recht gut tanzen. Das Niveau im TTMS ist gemischt. Den stilechtesten Tango - inklusive Einhalten der Ronda und Top-DJ Michael Rühl - fand ich im Roten Salon.
    Meine Beobachtung: ein erheblicher Teil der routinierten Tänzer(auch Tango-Lehrer dabei) hält sich in Berlin nicht an essentielle Codigos (Spur einhalten, Tempo drosseln bei vollem Saal, etc.).
    Viel Vergnügen in Berlin!

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    1. Vielen Dank, Ronda! Ich werde mich weiter mit der Hauptstadt beschäftigen. Und freue mich nebenbei über meine kleine lokale Tango Szene... Viele Grüße!

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  3. Wie wundervoll und einfühlsam du diesem Abend beschreibst! Und für mich als Führendem ist es immer wieder aufregend, Einblicke in das Denken und Empfinden aus der Sicht einer Folgenden zu bekommen.
    "Sie tanzten fein, reduziert und musikalisch. Wunderbar auf einander abgestimmt strahlten sie eine große Ruhe aus"..Meine Erfahrung ist dieselbe: Je höher das Niveau des Tänzers, desto ruhiger und zurückgenommener wird er tanzen. Aber in der Verbindung wird - außen kaum wahrnehmbar - viel geschehen., Nicht die Figuren sind der Genuss, sondern das zarte Einlassen und sich-finden in der Musik. Und es beginnt noch vor dem ersten Schritt..

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    1. Auf den Punkt gebracht, smartbogey! Danke!

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  4. Meine Erfahrungen als Führender mit Berlin waren auch eher gemischt, zumeist niedriges Niveau. Die Frauen machen viel selber, was auf Dauer anstrengend ist. Gute Tänzerinnen gab es auch, aber die sprachen meist kein Deutsch.

    Gruesse Tari

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    1. Zum Glück muss man ja nicht viel reden... Danke für die Rückmeldung, Tari!

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